Die Geschichte der Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche

Daten im Überblick:

1895 Gemeindegründung
1906 Fertigstellung und Einweihung der Kirche
1943 Zerstörung durch alliierte Fliegerbomben
1957 Bau und Einweihung der neuen KFG-Kirche im Hansaviertel

 

Die alte Kaiser-Friedrich-Gedächtnis-Kirche (1895-1943)

Auf mehr als 100 Jahre Geschichte zurückschauend, verlangt der Namenspatron uns Heutigen eine besondere Gedächtnisbereitschaft ab:

Friedrich III. war "Deutschlands liberale Hoffnung", der im gefestigten Zeitalter von Thron und Altar "Beteiligung der Laien an der Ordnung der Kirche" forderte; der öffentlich widersprach, als Bismarck und sein Vater, Wilhelm I, 1863 die Pressefreiheit im Lande aufhoben; der die Mitgift der englischen Königstochter Victoria, seiner "Vicky” realisieren wollte: "Sinn für Recht, Moralität, Freiheit und Kultur, für Selbständigkeit des Individuums, Hebung des Einzelnen als Mensch und als Deutscher, Europäer und Weltbürger." Nach seinem frühen Tod muss sie jedoch feststellen: "Der Satz ,Macht geht vor Recht’ wird angebetet."

 

 

Erst 1891 wurde ein eigener Seelsorgebezirk für das Hansaviertel errichtet und ein dritter Pfarrer eingestellt. Als "Hülfskirche", die nach der Einweihung der KFG-Kirche wieder abgerissen wurde, konnte Pfarrer Hagenau eine Kapelle in der Bachstraße in Betrieb nehmen. Die Initiative für den Neubau ging wie bei vielen Berliner Kirchen von der staatlichen Seite aus. Der Baugrund wurde von Kaiser Wilhelm II gestiftet. Auf Antrag der Dorotheenstädtischen Gemeindeorgane sollte das erste Gotteshaus im Hansaviertel eine "Votivkirche" für Kaiser Friedrich III werden.
Hansaviertel 1900

Bereits 1898 kam die Synagoge der jüdischen Gemeinde hinzu; und erst 1925 - in einer umgebauten Garage - die katholische Kirche St. Ansgar.

Durch die beispiellosen Spendenaktionen für den Kirchenneubau hatte sich schon früh der Ruf einer gebe- und opferfreudigen Gemeinde ohne soziale Nöte gefestigt. Beim Kauf des Gemeindehauses heißt es 1902: "die Armenpflege ist so geregelt und mit Mitteln so ausgestattet, daß keine Noth, die zu unserer Kenntnis kommt, ungelindert bleibt." Auch das weitere Gemeindeleben ist mit vielen Vereinen und Helferkreisen auf den verschiedensten Feldern aktiv und steigert sich kontinuierlich.

Die Gottesdienste, die Vorträge im Gemeindehaus und das Gemeindeblatt "Friede und Freude" waren akademisch geprägt. Innerhalb der Gemeinde gab es aber bald auch die üblichen Probleme wie Konflikte im Gemeindekirchenrat und Schwierigkeiten mit dem Personal.

Vor der Einweihung des neu gebauten Gemeindehauses kommt es 1911 zum folgenreichen Eklat: Pfarrer Kritzinger schmettert mutig die staatlichen und konsistorialen Bedenken gegen die "sozialdemokratische Gesinnung" des Maurerpoliers Blankenfeld ab und setzt durch, dass auch er einen der üblichen Orden erhält. Hier zeichnete sich schon früh eineTrennung von Kirche und Staat ab, die erst 1918 in der Weimarer Reichsverfassung festgeschrieben wurde.

Das soziale Engagement hatte aber auch Grenzen: 1913 wurde erfolgreich die Umpfarrung des Armenhauses der Luisengemeinde verhindert - die KFG-Gemeinde blieb lieber unter sich.

Der Erste Weltkrieg brachte weitere Belastungen: die Glocken wurden wieder Kanonen und mußten bis auf ein kleines Geläut abgegeben werden. Der Waffenstillstand kam aber gerade noch rechtzeitig vor der Abnahme des Kupferdaches.

Nach dem ersten Weltkrieg und in der Wirtschaftskrise setzte sich die Gemeinde allerdings ein: in jedem Haus des Hansaviertels gab es eine kirchliche Vertrauensperson und der "Vertrauensrat" koordinierte die Aktivitäten wie Kinderverschickung, Notstandsküche oder Erwerbslosenfürsorge und veranstaltete Wohltätigkeitsbasare.

Als sich das kirchliche Leben im Hansaviertel - in dem es auch eine evangelische Schule gab - wieder stabilisiert hatte, drohte ab 1933 eine schwere Krise. Direkt nach der Machtergreifung lösten die Nationalsozialisten den Gemeindekirchenrat auf und kündigten trotz des Widerspruchs beider Pfarrer deren Pfarrgehilfinnen. In einem Brief zum 75-jährigen Gemeindejubiläum (1970) schreibt Pfarrer Magerstadt: „Die Hitlerzeit brachte widerwärige Ereignissse, da mein Amtsbruder Pfarrer Elchstädt zu den Deutschen Christen überging, während ich als Mitbegründer der Bekennenden Kirche die Anfeindungen über mich ergehen lassen musste. Jedoch (...) verschwanden die bisher unbekannten NS-Aufwiegler einer nach dem anderen, so dass wir wieder einen einheitlichen und arbeitsfähigen Gemeindekircherat hatten."

Da die Konflikte nicht offen ausgetragen wurden und sich die Gemeinde politisch zurückhielt, ging das Gemeindeleben scheinbar unberührt weiter - auch, als die jüdischen Bewohner des Hansaviertels massiv verfolgt und vertrieben wurden.

Im September 1943 begann die "Battle of Berlin". Bei der Hauptoffensive der alliierten Luftstreitkräfte wurden bis zum Dezember 1943 mehr als 8.000 Menschen getötet, 250.000 Berliner wurden obdachlos und über 68.000 Gebäude total zerstört.

Nach den Angriffen vom 22. und 23. November 1943 war auch der Bezirk der KFG-Gemeinde nur noch eine rauchende Trümmerwüste.

Die Berichte sind erschütternd. Viele Gemeindeglieder wurden obdachlos und verloren ihre nächsten Angehörigen. Im zerstörten Hansaviertel standen nur noch siebzig Häuser mit 4.000 Einwohnern. Auch die Kirche und das Pfarrhaus der KFG-Gemeinde brannten unter tragischen Umständen ab: trotz aller Hilfeversuche sprang eine Bewohnerin des Gemeindehauses vor den Flammen in den Tod. Pfarrer Eichstadt erlebte den Bombenangriff im Luftschutzkeller des Kirchengewölbes. Tatenlos musste er zusehen, wie die reichhaltige Innenausstattung der Kirche verbrannte und nur die ausgeglühte Hülle zurückblieb.

Pfarrer Magerstädt war zur Zeit der Bombenangriffe nicht in Berlin. Für ihn waren die Kriegsereignisse ein bleibender Schock. Er erinnert sich: "Auf Anordnung der Behörde hatte ich die Superintendenturen von Baruth und Dahme zu verwalten. Als ich nach acht Tagen ins Hansaviertel kam, stand ich vor Trümmern, auch all unserer Habe. Ich blieb zwar Pfarrer der Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche, war hier und da untergebracht mit kommissarischer Verwaltung der Pfarrei, hatte aber infolge des Verlustes von Zweien unserer Söhne im Kriege und schwerer Krankheit meiner Frau nicht den Mut, die Gemeinde wiederaufzubauen. So sing ich 1946 in meine Thüringer Heimat ..."

Die Gemeinde wurde in alle Winde zerstreut. Die beiden Geistlichen wurden in die Mark Brandenburg geschickt, um Gemeinden zu verwalten, deren Pfarrer "im Felde" standen. Die wenigen noch nötigen Amtsgeschäfte der KFG-Kirchengemeinde übernahm die Heilandsgemeinde in Moabit. Damit war die Gemeinde im Hansaviertel de facto aufgelöst. Ein eigenes Gemeindeleben gab es hier nicht mehr - bis 1947 - fast zwei Jahre nach Ende des Krieges.

 

Die neue Kaiser-Friedrich-Gedächtnis-Kirche (1957 bis heute)

Im Januar 1947 erhält der Potsdamer Pfarrer Fritz Schmidt-Clausing den Auftrag zur Wiedererrichtung der Gemeinde im Hansaviertel. Zunächst mußte dafür die Arbeit in der Gemeinde wieder ganz neu aufgebaut werden. Schmidt-Clausing wurde sofort aktiv: als erstes ließ er einen Aufruf drucken, in dem er die verbliebenen Gemeindeglieder sammelte und zum gemeinsamen Aufbauwerk einlud. Am 9. Februar 1947 hielt er mit ökumenischer Hilfe den ersten Gottesdienst: die KFG-Gemeinde feierte als Gast in der Notkapelle, die sich die katholische Gemeinde St. Ansgar in der Aula der Menzelschule hergerichtet hatte.

In der Kirchenruine wurde die einzige verbliebene Glocke wieder gangbar gemacht und bis in die Fünfziger Jahre zum Begrüßungslauten für die Berliner Russlandheimkehrer benutzt. Im beginnenden Kalten Krieg setzte Schmidt-Clausing damit ein politisches Zeichen und machte seine Gemeinde bekannt - bis hin zur amerikanischen Wochenschau, die das Thema dankbar aufnahm. Aus den bescheidenen Anfängen entwickelte sich wieder ein geregeltes Gemeindeleben im "Interim der 70 Häuser", die vom Hansaviertel noch übrig waren. Bald wurde eine eigene Notkapelle im Präsidentenbüro des ehemaligen Reichsgesundheitsamtes bezogen.

Für Kanzel, Altar und Taufstein wurden rote Ziegelsteine aus den Trümmern der alten Kirche geborgen, zu deren Wiederaufbau bereits die ersten Pläne gemacht wurden.

1953 beschließt der Berliner Senat den kompletten Neubau des Hansaviertels. Schmidt-Clausing plant um: sein großes Ziel wird der Bau einer neuen Kirche. Was von der alten Kirche noch übrig ist, wird gesprengt und abgetragen.

Da das fast komplett zerstörte Hansaviertel nach allgemeiner Auffassung "schlechterdings keinen künstlerischen oder auch nur lokalhistorisch interessanten Bau enthielt", war die Entscheidung für eine durchgreifende Neukonzeption kaum umstritten. Nach verworfenen Versuchen, die alten Häuserfundamente mit neuen Grundrissen zu verwenden, wurden die Grundstücke im größten zusammenhängenden Trümmergebiet der Beriiner Innensstadt neu aufgeteilt und das alte Straßennetz aufgegeben.

Das Hansaviertel wurde zum Kernstück der "Internationalen Bauausstellung" von 1957. Vor dem Krieg hatten hier 15.000 Menschen und mehr je Hektar Stadtfläche gelebt. Jetzt war es die "vornehmste bauliche Aufgabe Berlins", diese untragbare Dichte der Bebauung zu beseitigen und die Stadt aufzulockern. Mit 1000 Wohnungen nach den Grundsätzen des sozialen Wohnungsbaus betrug die bauliche Nutzung im Vergleich zum alten Hansaviertel fast nur ein Drittel. Die Gebäude wurden als Solitaire angeordnet und mit Grünflächen umgeben.

Mit seiner lockeren Bauweise wurde das neue Hansaviertel als "demokratisches Gegenmodell" zur monumentalen Friedrichshainer "Stalinallee" ideologisiert. Tatsächlich gelang es, internationale Stararchitekten für die "Stadt von morgen" zu mobilisieren. Vorsitzender des Leitenden Ausschusses wurde der Architekt Otto Bartning, der zwar entscheidende Impulse zur Erneuerung des Kirchenbaues gegeben hatte, aber auf die neue KFG-Kirche keinen Einfluss nahm. Mit ihrem Entwurf wurde Senatsbaudirektor Ludwig Lemmer beauftragt.

Der Weg durch die neue KFG-Kirche war im zerstörten und ernüchterten Berlin der Nachkriegszeit ein Symbol der Hoffnung. Der Mensch kommt aus dem Alltag, schreitet durch die niedrige Pforte der äußerlich grauen Betonkirche und vor ihm öffnet sich immer mehr die hohe Altarwand - ein Meer von Licht und Farben. Die Raumaufteilung von Kirche und Gemeindehaus entsprach der soziologischen Struktur des neuen Hansaviertels. Die KFG-Gemeinde sollte ein Zentrum für junge Familien werden.

Die neuen Räume schienen für den erwarteten Andrang gerade auszureichen. Optimistisch wurde weitergepiant: unter den Seitenemporen liegt die damals so genannte "Wochentagskirche", die für größere Veranstaltungen mit dem Hauptkirchenraum verbunden werden kann. Auch Vorplatz und Atrium waren als gottesdienstliche Orte mit einbezogen.

Das künstlerische Programm passte zwar zum aufstrebenden Wirtschaftswunder, war aber schon zu seiner Zeit nicht unumstritten. Allzu hochfliegende Pläne Schmidt-Clausings wie ein weiteres Aluminiumkreuz auf dem Vorplatz wurden daher auch nicht realisiert. Trotz der vielen Spenden wurde der Bau zur finanziellen Gratwanderung, die Gemeindekirchenrat immer wieder zu Belastungsproben führte, zumal mit Architekt, Künstlern und Lieferanten teilweise noch hart um die Honorare gerungen werden musste. Da aber alle Probleme gemeistert werden konnten, erwies sich das vollendete Gebäude bald als ein Kristallisationspunkt des neuen Hansaviertels.

Die Gemeinde mit dem "Seelenbohrer"-Turm wirkte nach innen und außen. Durch die Internationale Bauausstellung kamen auch viele auswärtige Besucher in die neue Kirche und begeisterten sich an ihrer Architektur. Die stolze KFG-Gemeinde erwies sich als gastfreundlich: mit seiner sinnlichen Ausstrahlung wurde das schön ausgestattete und lichtdurchflutete Gotteshaus bald zu einer berlinweit beliebten Hochzeitskirche.

Nach den zukunftsorientierten Jahren der zweiten Gründerzeit des Hansaviertels gab es auch in der KFG-Gemeinde Zeichen für eine Konsolidierung. 1970, anläßlich des 75jähriqen Gemeindejubiläums, begann die Gemeinde, sich intensiv mit ihrer Vergangenheit zu beschäftigen. Die noch vorhandenen Quellen wurden gesammelt und es erschien eine Baugeschichte der alten KFG-Kirche. In den Gemeindenachrichten wurde die Zeit von 1933-1945 aufgearbeitet. Auch die Jugendarbeit der Gemeinde beschäftigte sich mit der Geschichte.Seit 1973 hatte die Gemeinde ein neues Haus im historischen Kern des Hanssaviertels. Hier begann Frau Stein zunächst mit offener Arbeit für die Straßenkinder und Jugendlichen der Umgebung. Daneben entstanden durch intensive Elternmitarbeit Kindergruppen. Gemeinsam mit den Religionslehrern der Menzel- und der Kleistschule wurden Gesprächsgruppen für Jugendliche aufgebaut. Hieraus erwuchs eine langjährige Tradition von Kirchentagsfahrten und Wochenendseminaren. In den letzten Jahren kam durch die Zusammenarbeit mit der Familienbildunqsstätte Tierqarten ein neuer Kursbereich für junge Familien und Erwachsene hinzu.

Die soziologische Struktur der älter werdenden Gemeinde hat sich geändert. Pfarrer Dr. Räcke richtete daher bereits 1982 in Zusammenarbeit mit St. Ansgar ein ökumenisches Seminar aus, in dem es um die Erwartungen an die Kirche(n) im Hansaviertel ging.

Schon dort wurde klar, daß die Gemeinden aufgrund der allgemeinen kirchlichen Situation mit vielen Austritten und sinkenden Einnahmen bei der Erfüllung ihrer Aufgaben zunehmend auf die Unterstützung von Fördervereinen und die Hilfe ehrenamtlicher Mitarbeiter angewiesen sind.

Die Sanierung des Kirchturms 1981 war nur ein erstes Provisorium: auch das Hauptgebäude ist nur mit viel Aufwand zu unterhalten. Das "Gesamtkunstwerk" wird darüber hinaus der Dynamik einer lebendigen Liturgie oft nicht mehr gerecht - viele Besucher fassen den Raum der Gemeinde fast wie ein kunst-historisches Museum auf, in dem noch der Geist des Wiederaufbaus glänzt.

Über 100 Jahre nach der Einweihung ihrer Kirche hat die Kaiser-Friedrich-Gedächtnis-Gemeinde noch 2.400 Mitglieder (Stand: 1995). Zum Jubiläum läßt sie durch den "Spiegel der Erkenntnis" blicken: jeden aus seiner persönlichen Perspektive - in die Perspektive(n) der Gemeinde.