OLKRin Dr. Christina-Maria Bammel - »Siehe, schön bist du!« – Kirche und Schönheit, (Hld 1,15)

Liebe Gemeinde,

"Man braucht etwas, was über einen hinausreicht. Emanzipation für alle. Ich mache alles wie eine Verrückte, irre lesen, irre lieben. Man muss sich doch mal ins Wasser trauen oder ins Feuer. Und die Angst, die muss man eben überwinden." Sagt Lena. 43 Jahre, drei Kinder, Hochschuldozentin. Lena und die 18 anderen Frauen, haben mich wie Freundinnen begleitet. Manche von ihnen sind mir so nah, als säßen sie mit mir täglich am Küchentisch. Sie sagen solche Sätze wie: „Die Menschen verlangen Fassade. Nur starke Menschen können ihre Unsicherheit und gelassen tragen wie einen alten Hut.  Und Lena sagt solche Sätze wie: „Meinen körperlichen Verfall zu erleben, das ist nicht einfach für mich. Meine Wirkung auf Männer lässt allerdings auch nach, weil ich echter geworden bin, farbloser, weniger exaltiert. Die Männer haben ja keine Zeit genauer hinzuschauen.“

Auf Tonband festgehalten hat die Geschichten dieser Frauen Maxi Wander. Die wusste viel über die Schönheit, vor allem das schöner werden in Diktatur-Zeiten. Schönheit im Sozialismus. Als die Protokolle 1977 erschienen, wurden sie gleich zum Kultbuch unter dem Titel „Guten Morgen du Schöne.“ Diese Resonanz hat Maxi Wander selbst nicht mehr erlebt. Sie starb an Krebs, da war sie noch nicht mal so alt wie ich heute. Das krampft mir noch heute das Herz, dieses Herausgerissenwerden vor der Zeit von einer Frau, die beides in sich trug – diese Sehnsucht nach Leben, diese Erschöpfung durch die Zwänge damals. Maxi Wander, die „jeden Tropfen Leben auskosten wollte“, lebte mit ihrem Mann in Kleinmachnow (mit Sicherheit ein ganz anderes Klein Machnow als das heutige schicke!), und war auf der Suche nach einer bessren Gesellschaft aus Österreich 1957 in den Osten gekommen. Die Anfänge der siebziger Jahre waren bedrückend, für sie persönlich; aber auch gesellschaftlich drückten diese Jahre besonders. Einerseits tat der DDR-Staat alles, um die Menschen materiell zu befriedigen. Andererseits diese politische Enge. Es sind die Jahre, in denen  sich der Pfarrer Oskar Brüsewitz selbst anzündete und Wolf Biermann ausgebürgert wurde. Nein, auf bessere Zeiten wollten die Frauen nicht warten, sondern leben – mit jeder Faser! Und Maxi Wander wollte ihnen einfach nur zuhören. Vielleicht machte das den Erfolg des Buches! Dass Frauen sich geöffnet haben, über ihre Routinen, Sehnsucht und Liebe, ihren Schmerz, ihr Verborgenes, versagt oder nicht versagt, sprachen. Gerade weil die Frauen mit ihren Geschichten nicht gefallen wollten, hat sie ihr Erzählen und ihren Esprit am allerschönsten gemacht. Generationen von Leserinnen haben sich darin eingedacht, haben mitgelitten mit denen, die endlich frei werden wollten von zwingenden Normen, Phallokratie, Verzicht, Kleinmacherei.  Für mich wurden Lena, Doris und Rosi und Angela und Gabi und wie sie alle hießen auf diesem Sehnsuchtsweg schön und immer schöner. Sie zeigten ihre Metamorphosen und den Preis dafür und wie sie dennoch darin immer wahrhaftiger, immer stärker wurden. Selbst dort, wo die Kräfte abnahmen, wo sich Erschöpfung breit machte, wo Krankheit und Tod hässliche Fratzen zeigten. Für mich waren und sind Maxi Wanders Frauen durch den Kummer und alle Häutungen hindurch schön werdende Frauen. Damit sind sie für mich ein Gegentext zu jener Zeile, die wir im Alten Testament im Buch der Sprüche finden: „Lieblich und schön sein ist nichts.“ Oder in anderer Übersetzung: „Anmut kann täuschen und Schönheit vergeht“.

Schönheit als Ausdruck von blendender Blüte, Verführung und Erotik, spielerisch, verlockend. Dem gegenüber hatten die moralisch besorgten Verfasser der Sprüche  klar eine Reserve. Ihre Sorge war, dass Menschen sich im Anhängen an dieser Schönheit nur auf Triebnatur zurückführen. Aber wir tragen doch noch ganz andere Welten, eine ganz andre Schönheit, wir tragen Gott, in uns. Aber wenn wir die Sprüche-Verfasser jetzt auf äußerlich gleich triebhaft gleich moralisch ungut gegen innerlich gleich rein und schön festlegen würden, hätten wir sie missverstanden. So einfach ist es eben nicht, dass die körperlichen Schönheitsreize eben vergänglich sind, und wenn wir uns daran binden, wir uns an vergängliches binden. Hier fehlt etwas. Wir müssen die Sprüche ein ergänzen, sie weiter schreiben, als es den Verfassern damals selbst möglich war. Nicht nur die Lebensprotokolle von Maxi, Berta und Julia treiben uns dazu.  Auch ein deutscher Philosoph. Er sah Schönheit, die stolz sichtbar wird nicht als etwas, von dem wir uns befreien müssen, sondern das uns befreit. Was zunächst der Bibel zu widersprechen scheint, wird bei genauerer Lektüre verstehbar als Vertiefung und Auslegung des Freiheitsbegriffes. Jenes Vorgangs der Befreiung, der als Angebot in jedem Wort Gottes steckt und mit dem auch die Schönheit zu tun hat. Schönheit – so Schiller über die ästhetische Erziehung des Menschen – sei die Freiheit der Erscheinung. Es ist ja so, dass Schiller erstmal  seine Kantkrise verarbeiten musste. Er war frustriert von der Kant-Lektüre, aber er nahm ihn so ernst, was sollte er tun. So wie er Schiller die Menschen kennt, sind sie von Kant und dessen Pflichten und Ratio-Ansatz überfordert. Schiller versuchte es anders: Menschen verlieren nicht nur die gottgegebene Freiheit, wenn sie sich Trieben unterwerfen, sondern auch wenn sie sich dem Diktat der Normen der Vernunft unterwerfen. Freiheit erleben Menschen in zweckfreier Tätigkeit. Deswegen sind sie nur da ganz bei sich und über sich hinaus, wo sie spielen. Die gesteigerte Form des Spiels ist die Kunst – eine Tätigkeit, die keinem anderen Zweck gehorcht und nur ganz in sich selbst findet. Kunst darf sich keinem Zweck unterwerfen – weder politisch, erzieherisch, noch einem konsumistischen. Sie erfüllt erst da ihren Zweck, wo sie ganz befreit sowohl aus den Zwängen der Triebe als auch der Normen, die man täglich erlebt. Diese Kunstwirkung findet Schiller am deutlichsten im Erlebnis der Schönheit. Daher: Schönheit ist Freiheit in der Erscheinung. Sie ist das Erlebnis von einem zweckfreien Gegenstand, der die Zweckfreiheit der menschlichen Existenz spiegelt. An diesem Nullpunkt öffnen sich Menschen für die Gesamtheit der Wirklichkeit. Frei von allen Bindungen, aber das um sich in neue, echte Bindungen zu begeben. Und darin liegt die Parallele zu der Haltung, die wir Gottes Wort gegenüber gewinnen können, selbst wenn es in einer gewissen Einseitigkeit im Buch der Sprüche auftritt.  Aus dem Erlebnis der Kunst wie dem Erlebnis von Gottes Wort gehen wir heraus als Befreite, die sich wenn sie ihre gesamte Existenz wahrnehmen in neue, echte Bindungen begeben können. Nicht durch Triebe, Tradition, bestimmt, sondern durch einen immer freier werdenden Willen – anders gesagt: immer schöner werden. Da will uns Gott, wo wir nicht mehr gefallen wollen. Und danach streben Lena, Doris und Gabi so sehnsüchtig. Schön ist, was in diesem Sinne frei und befreit erscheint.

Wenn wir als wieder in eine Symphonie, einen Film, einen Gottesdienst gehen, spüren wir diesem Moment nach, wo nicht jemand anderes dich und bestimmen will, sondern ruft und lockt, dass du deiner Selbstbestimmungsfähigkeit nachgehst. Schönheit als anziehende Fassade eines Menschen ja die ist vergänglich, aber die Schönheit von etwas, das uns nichts anderes geben will als Freiheit und uns hineingeben will in Bindungen, die nichts anders wollen als dass wir zu uns selbst kommen nach Gottes Augenmaß der Liebe. Das weitet Herz, Sinne und Verstand.

Frauen aus den siebziger Jahren auf der von hier aus gesehen anderen Seite Deutschlands. Sie haben in der Schönheit die Erscheinung der Freiheit gesucht.  Vielleicht versuche ich gerade, ihrer Schönheit 30 Jahre nach der friedlichen Revolution ein kleines Denkmal zu setzen. Wie geht es aber den vierzigjährigen Lisas und Lenas heute? Die Autorin Saralisa Volm (geboren 1985) trifft mich ins Mark als sie jüngst bekennt: von den schwachen Momenten bekommt hier keiner was mit. Hier ist Glanz, hier ist Soße, hier sind Dekokirschen, die ich mir sachte in den unersättlichen Mund gleiten lasse. Auf dem Papier bin ich auch noch Filmemacherin, Kuratorin und Mutter von vier Kindern. In echt bin ich ein Wrack. Aber die Fassade hält. Der bröckelnde Putz wird mit Haarlack fixiert, mit Glitzer bestäubt und auf Instagram gepostet. Wir alle drehen uns aufrecht im Kreis um uns selbst. Bis einer umfällt, den wir dann mit unseren Lackschuhen unters Tischtuch schieben.“ Sie hat genug von diesem Wahnsinn in ihr und um sie herum; „Die Fassade aufzugeben, verlangt die größte Stärke. Seit ich es tue, können die offenen Wunden atmen und die Tränen fließen – manchmal vor Lachen.“

Die Schönheit der Fassade vergeht, soll sie nur, wenn sie uns die Luft zum Atmen genommen hat. Aber wir lassen uns nicht restlos enthüllen und entblättern, nehmen uns selbst die Freiheit zu verbergen oder zu offenbaren. Das macht uns schön und schöner durch alle Vernarbung hindurch, macht uns frei. Am besten lassen wir uns anschauen in Liebe, werden in den Augen der Liebe, samt unserem Geheimnis, unserer Schwäche, unserem Versagen schön und schöner. Wie gut, dass sich Gott genau darüber freut und von Anfang an nichts anderes mit uns vorhatte!

Amen

Dr. Christina-Maria Bammel (*1973), Studium der ev. Theologie und Religionsphilosophie in Berlin, Marburg und den USA; verheiratet, zwei Töchter, Oberkonsistorialrätin, leitet das Referat Kirchliches Leben in der Abteilung Theologische Grundsatzfragen und Kirchliches Leben im Konsistorium der Landeskirche, zuvor Pfarrerin in der Evangelischen Kirchengemeinde am Weinberg in Berlin.

 

 

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