Auf einem guten Weg

Veröffentlicht am Fr., 22. Jun. 2018 18:50 Uhr
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Inklusion, die gleichberechtigte Teilhabe an etwas.

Integration, die Eingliederung in ein größeres Ganzes.

Beides leistet die Kita St. Johannis als eine von acht Modellkitas für Kinder mit Fluchterfahrung vorbildlich. Und deshalb sind ihre Erlebnisse und Erkenntnisse jetzt auch als Teilbeitrag in der Broschüre „Kultursensible Kita-Pädagogik“ erschienen, die allen Kitas berlinweit zur Anregung und Information zugestellt wird.  

Anlass genug, den durch Diakonie und Senatsverwaltung geladenen PressevertreterInnen, die sich am 20. Juni 2018 im Gemeindesaal versammelten und über das Projekt berichten wollten, die Kita, ihre Leiterin Christine Thomaschewski-Borrmann, die Erzieherinnen und vor allem die Kinder auf einem Rundgang vorzustellen. Einem Rundgang, der einmal mehr zeigte, dass Kinder ganz eigene Ideen vom Umgang mit MedienvertreterInnen haben und dazu weder Drehbuch noch Regieanweisungen brauchen.  


Tonaufnahmen als Hintergrund für ihren Beitrag wünschte sich die Vertreterin des Radiosenders. Und sie hatte ihr Konzept vorausschauend fest verankert: die Kinder, beim Mittagessen unterbrochen, sollten „Guten Appetit“ in verschiedenen Sprachen in das vorgehaltene Mikrofon sprechen. Moabit multikulti. Dabei geht es im Projekt doch auch gerade darum, dass eine gemeinsame Sprache eine Basis für Integration ist. Und dass die Kinder motiviert werden sollen, diese zu sprechen. Und diese Sprache, in der sich die Kinder in der Kita verständigen, ist deutsch.  

Die Wackelzähne waren überrascht über den Besuch zur Gnocchi-Zeit. „Wer seid ihr?“, „Wie heißt ihr?“, „Was wollt ihr?“ Wichtige Fragen, die in der ersten Kindergruppe verhallten, da die Reporterin eifrig ihre Tonbilder suchte. Guten Appetit - auf türkisch vielleicht? „Weiß ich nicht.“ Arabisch? „Auch nicht.“ Farsi? Polnisch? „Ich kann ein Wort in englisch!“ „Welches?“ „“Nein“, das heißt „No“.“ „Und „Guten Appetit“?“ „Keine Ahnung.“  

Zweite Gruppe: dieses Mal versucht es die Reporterin mit einer Einführung, dass sie doch Journalisten sein und die Kinder doch bestimmt schon mal Radio- oder Fernsehnachrichten gesehen oder gehört hätten und jetzt käme eben diese Kita in die Nachrichten und sie - wenn sie „Guten Appetit“ in einer anderen Sprache ins Mikrofon sagen. Ja, Nachrichten kennen sie. Und Radio auch. „Ist das für Radio Teddy?“, „Nein.“, „Ach so...“. Das Interesse fällt. Die letzten Gnocchis werden verteilt.  

Dritte Gruppe: „Kann hier denn vielleicht jemand „Guten Appetit“ in einer anderen Sprache?“ „Nö.“ Die Erzieherinnen beginnen zu soufflieren. „Das heißt ... , das weißt du doch.“ Keine Reaktion. Die Radiovertreterin sieht ihre Felle schwimmen. „Wir können aber ein Lied auf grönländisch...“, versucht eine Erzieherin die Situation zu retten und schon intoniert sie fröhlich und einige nachtisch-orientierte Kita-Kinder stimmen vollmundig, aber kaum hörbar ein.  


Marlies Knoops vom Verband Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder (VETK) hat das Projekt der Modellkitas fachlich begleitet und die Vernetzung unterstützt. „ALLE Kinder haben ein Recht auf Bildung und gesellschaftliche Teilhabe. ALLEN Kindern muss eine Chance eröffnet werden, Teil der Gesellschaft zu werden.“  


Das Kita-Essen liegt hinter uns. Es folgt ein Außentermin, damit auch das Fernsehen gut belichtete Bilder erhält: Interviews vor Kindern auf dem Spielplatz, auf Schaukeln, auf Rollern, auf Sprungbändern und Laufkisten. Die Stimmung im Hintergrund bombig. „Kannst du mal ein Foto von uns machen?“ Fünf Grimassen schneidende Dreikäsehochs. „Zeig mal!“ Der Damm ist gebrochen. Handys und Kameras kennen sie, da wissen sie, was erwartet wird. Jetzt soll jeder Journalist Fotos machen, immer tollere Fratzen werden geschnitten, die Zungen rausgestreckt, geschielt. Was man halt so macht, wenn man cool und kurz vor der Einschulung ist. Und die Hände mit Victory-Zeichen in die Höhe gereckt.  

Diese Kinder sind Gewinner! Sie haben in der Kita die Möglichkeit, kreativ zu sein und zu lernen und im Rahmen fester Strukturen Freiheit und Gemeinschaft zu erfahren. Hier können sie Kinder sein, ob mit oder ohne Fluchterfahrung, ob die Muttersprache nun deutsch ist oder nicht. Marlies Knoops betont, dass die Handreichung kein Rezeptbuch sei und nicht den goldenen Weg weisen könne. Wichtig sei es für alle Einrichtungen aber, den Mut zu finden, sich überhaupt auf den Weg zu machen und zwar auf einen gemeinsamen, der geflüchteten Familien einen gleichberechtigten Zugang zu Kitas und Bildung ermögliche. Denn Vielfalt ist eine Herausforderung, aber auch ein großer Zugewinn.  


Martina Knoll
(foto:knoll)

 


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